Die Gesunden sollen bleiben

Die Proteste sind laut und deutlich. Nachdem inzwischen zahlreiche deutsche Krankenkassen eine Zusatzprämie von ihren Kunden verlangen - oder zumindest angekündigt haben, dies demnächst zu tun - häufen sich die Beschwerden. Die Verbraucherzentralen berichten von hunderten Anrufen jede Woche, und bei den Krankenkassen stapeln sich die Kündigungen. Was dazu führt, dass einige Kassen plötzlich mächtig um ihre Kunden kämpfen, manchmal sogar, indem sie erhebliche finanzielle Zugeständnisse machen.
Viele Mitglieder sind sauer
Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat ein ernstes Problem. Mit 4,6 Millionen zahlenden Mitgliedern ist sie zwar die drittgrößte Ersatzkasse Deutschlands, doch viele Mitglieder sind sauer. Ab kommender Woche müssen nämlich alle eine sogenannte Zusatzprämie von acht Euro monatlich zahlen. Kein Einzelfall - auch andere Kassen haben bereits ähnliche Zusatzbeiträge angekündigt. Wer allerdings als DAK-Kunde mit einer Kündigung droht, erhält eventuell ein Schreiben, das auch NDR Info vorliegt. Darin heißt es: "Wir zahlen Ihnen die Zusatzprämie wieder zurück!!!" Gleich drei Ausrufezeichen stehen hinter diesem verlockenden Angebot. Und dann geht es äußerst freundlich weiter: "Mit Bedauern mussten wir feststellen, dass Sie die Mitgliedschaft bei uns kündigen möchten. Stehen tatsächlich die Geldersparnisse im Vordergrund, die Sie zu diesem Entschluss bewegt haben?"
60 Euro Sofortprämie
Ob Geldersparnisse oder andere Gründe - Fakt ist: Den gesetzlichen Krankenkassen, die bereits eine Zusatzprämie eingeführt haben, laufen die Kunden in Scharen davon. Und genau deshalb wird die DAK dann auch konkret: "Wir machen Ihnen folgendes Angebot: Die DAK Sofortprämie - 60 Euro für Sie." 60 Euro ohne einen Hinweis auf damit verbundene Verpflichtungen - allein für das Jahr 2010. Aber auch in den kommenden Jahren gibt es bei der DAK durchaus etwas zu verdienen: "Außerdem können wir Ihnen im Rahmen unseres Wahltarifes jedes Jahr weitere 180 Euro auszahlen" - finanzielle Anreize in Zeiten extrem hoher Defizite. Rund vier Milliarden Euro fehlen den gesetzlichen Krankenkassen allein in diesem Jahr.
"Ein unsoziales Angebot"
Sauer über diese Praxis der Kundenbindung ist Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Besonders weil wieder einmal die profitieren, die sich wehren und die Erhöhung als Pflichtbeitrag nicht hinnehmen. Und weil vermutlich nicht alle Mitglieder in den Genuss eines solchen Angebotes kommen: "Die Kasse wird sagen, wir werden uns natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen angucken, wer in den letzten Jahren viele Kosten verursacht hat, da machen wir keine Anstrengungen ihn wieder zurück zu holen. Aber die sogenannten guten Risiken, die Jungen, die Gesunden, wollen wir natürlich bei uns halten. Ich würde es nicht unmoralisch nennen, aber es ist ein unsoziales Angebot."
Von der DAK wurde diese Art der Kundenbindung übrigens bestätigt. Normale "Haltearbeit" sei dies, so ein Sprecher, um Kunden, die aus finanziellen Gründen kündigen, entgegen zu kommen.
Bei aller Finanznot der gesetzlichen Krankenkassen: Die sogenannte Zusatzprämie scheint also zumindest nicht für alle Kunden ein Pflicht-Beitrag zu sein.






