Nelson Freire spielt Chopin
Frédéric Chopin, Nocturnes
Nelson Freire, Klavier
Vorgestellt von Christoph Vratz

Nelson Freire ist ein halber Franzose, obwohl er aus Brasilien kommt und dort auch noch rund die Hälfte des Jahres verbringt. Die andere verbringt er in Paris. Auch musikalisch ist Freire längst in Frankreich angekommen, vor allem wegen seiner erfolgreichen Chopin-CDs. Nun hat Freire die Sammlung seiner Chopin-Erkundungen um eine Gesamtaufnahme der Nocturnes erweitert.
Atmende Musik
Es gibt Aufnahmen, die nehmen vom ersten Moment an gefangen, ohne dass man genau weiß, warum. Ein Zauber breitet sich aus, den sich nur schwer erklären lässt.
Es ist eine wunderbare Schwebestimmung, die Freire schon im ersten der 20 Chopin-Nocturnes erzeugt. Die Melodietöne leuchten, doch es ist kein grelles Licht, sondern ein behagliches, ein angenehmes. Und spätestens wenn nach gut fünf Minuten dieses Stück zu Ende geht, wenn Freire die letzten harmonischen Wendungen auskostet und er in die Schlussakkorde überlenkt, scheint die Welt still zu stehen.
Freire ist meist langsamer unterwegs als etwa Maurizio Pollini, aber er übertreibt nicht so wie die mitunter eigenwillig verschleppende Angela Hewitt. Freire entscheidet sich für eine noch natürliche Art der Langsamkeit, wie im c-Moll-Nocturne, das mit "Lento" überschrieben ist. Freire gelingt es, Bögen zu spannen und die Themen organisch zu formen. Diese Musik atmet ein, sie atmet aus, aber sie leidet nie unter mangelnder Luftzufuhr. Die Melodie hat bei ihm stets das Sagen, doch die Begleitung schaltet sich gerade so weit ein, dass Reibungen und Dialog-Struktur erkennbar bleiben.
Unnachahmliches Spiel
Einzig die Aufnahmetechnik hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Während im Diskantbereich die hellen Töne ungetrübt funkeln, wirken Mittel- und Basslage leicht breiig. Zwar passt das insgesamt warme Klangbild ganz gut zu diesen Stücken, doch wenn die Grenze zum Molligen überschritten wird, ist eine Problemzone erreicht.
Freires Spiel ist in gewisser Hinsicht unnachahmlich. Vor allem wenn er, völlig unverhofft, kleinste Läufe in die Tasten träufelt, die einerseits bloß wie schmuckes Beiwerk klingen, zugleich aber durch ihre Klang-Substanz veredelt werden.
Am Ende bleibt ein wenig offen, warum diese Einspielung der Chopin-Nocturnes durch Freire so wunderbar stimmungsvoll gerät; wirklich dingfest machen lässt es sich kaum. Aber das ist nicht weiter schlimm. Man kann sich ja auch gefangen nehmen lassen, ohne alles zu wissen.
Nelson Freire spielt Chopin
028947821823
Decca









